Alessa Neuner

A Life dedicated to Horses

Vom Vorführeffekt und Dialogen im Kopf

In meinem Kopf hatte ich das Drehbuch für diesen wunderschönen Tag schon geschrieben...

In meinem Kopf hatte ich das Drehbuch für diesen wunderschönen Tag schon geschrieben…

Sonntag morgen, ein wunderschöner Wintertag wie aus dem Bilderbuch: Glitzernder Schnee, eine glühende Morgensonne, die sich über Horizont schiebt und meine Pferdeherde, die mich freudig begrüßt. Vollendet wurde dieser schöne Morgen noch damit, dass mein Bruder spontan Zeit hatte und gemeinsam mit uns in den Wald aufbrechen wollte, um mal wieder ein paar schöne neue Fotos zu schießen und vielleicht ein kleines Video zu drehen.

So brachen wir zu dritt bald auf um den herrlichen Tag zu genießen. Doch leider waren wir gar nicht so wirklich zu dritt, wie ich bald feststellte. In meinem Kopf schwirrte nämlich so einiges an „Gepäck“ mit, was mir in diesem Moment noch gar nicht bewusst war. Fest stand nur, dass wir ein paar bestimmte Szenen drehen wollten. In meinen Kopf jedoch hatte ich unterbewusst natürlich schon alles bis ins Detail hin durchgeplant. Ich wusste, welche Lektionen ich wie ausgeführt an welcher Stelle zeigen wollte. Voller Motivation machten wir uns also ans Werk. Khayman schenkte mir all seine Aufmerksamkeit und arbeitete freudig mit wie immer. Anfangs. Dann ließ irgendwann die Konzentration nach und ich bekam immer weniger positives Feedback von meinem Pferd. „Klar“ dachte ich, „wenn die Kamera läuft, wird es irgendwie nie so gut“. Doch warum ist das eigentlich so? Ist wirklich die Kamera das Problem? Oder sitzt das Problem nicht eher in unseren Köpfen fest?

Warum nur funktioniert alles nur noch halb so gut, sobald wir Zuschauer haben?

Warum nur funktioniert alles nur noch halb so gut, sobald wir Zuschauer haben?

Arbeite ich alleine mit meinen Pferden, so habe ich auch einen ungefähren Plan von dem, was wir heute zusammen erreichen wollen. Oftmals werden unsere Ziele sogar noch übertroffen, manchmal hingegen merken wir bald, dass an diesem Tag nicht so viel herauszuholen ist. Dass meine Pferde genauso wie ich gute und schlechte Tage haben, ist dabei für mich selbstverständlich und das akzeptiere ich auch stets. Hätte ich also morgens festgestellt, dass Khayman nicht auf voller Höhe ist, so hätten wir eben nur ein paar schöne Kuschelfotos gemacht. Doch das Problem saß heute (wieder mal, seufz) nicht bei Khayman, sondern bei mir.

Ich fürchte, das, was mir heute den Tag so schwer machte, lässt sich in einem Begriff zusammenfassen: Der Vorführeffekt. Gemein(hin) bekannt und von allen gefürchtet – wer kennt ihn nicht? Nach unserer etwas missratenen Einheit heute morgen möchte ich mich nun nochmal hinsetzen und mir durch den Kopf gehen lassen, was genau heute anders lief als bei unseren üblichen Einheiten in trauter Zweisamkeit. Der Fotograf an sich war es sicher nicht, denn mein Bruder ist so sehr Teil meiner Selbst, dass er Khayman und meine Kommunikation in keiner Weise störte. Und erneut komme ich zu dem Schluss, dass sich in mir etwas veränderte: Anstatt mit Khayman zu kommunizieren, begann ich, Monologe zu führen. Meinem innerlichen Drehbuch folgend, spulte ich Lektion für Lektion ab. Schon bald nahm ich wahr, dass Khayman nicht wie üblich meine Gedanken zu lesen schien und praktisch zeitgleich mit mir reagierte. Doch wie das bei Monologen so ist, beachtete ich dies nicht weiter. Ich folgte meinem Kopf, der mir brav die nächsten Schritte diktierte. Und stand bald plötzlich sehr alleine da. Und das nicht nur im wörtlichen Sinne: Khayman hatte aus der für ihn unbefriedigenden Situation Konsequenzen gezogen und beschlossen, so nicht mitarbeiten zu wollen. Stattdessen drehte er um und lief schnurstracks im gestreckten Galopp nach Hause zurück!

Manche Pferde reagieren (zu Recht!) sehr extrem auf ungerechtfertigtes Verhalten ihnen gegenüber...

Manche Pferde reagieren (zu Recht!) sehr extrem auf ungerechtfertigtes Verhalten ihnen gegenüber…

Nun könnte man sagen, dass es von Khayman aber doch eine sehr drastische Reaktion gewesen ist, gleich davon zu laufen. Sicherlich war es das auch (aber mit Halbherzigkeiten schlägt sich mein Pferd leider gar nicht erst herum). Der entscheidende Punkt ist jedoch der, dass Khayman nicht „gleich“ davonlief. Schon lange vorher teilte er mir seine Unzufriedenheit mit der Situation mit. Nämlich in dem Moment, als mir das erste Mal unterbewusst der Gedanke aufkam, dass es dank Vorführeffekt heute mal wieder nicht so laufe wie üblich. Hier und genau hier trennten sich unsere Wege – und nicht erst, als Khayman tatsächlich Reißaus nahm.

Mein Problem bei diesem verzwickten Vorführeffekt war also schlicht, dass ich einen Dialog mit meinem Kopf führte und nicht einen mit dem Pferd neben mir. So übersah ich alle Zeichen, die Khayman mir sendete. Im Grunde bestätigt mir dieser Vorfall mal wieder, wie fein und sensibel Khayman ausgebildet ist. Denn anstatt auf auswendig gelernte Signale zu reagieren, basiert unsere Zusammenarbeit auf Kommunikation. Und je weniger sich dabei zwischen uns drängt, desto harmonischer fällt unsere gemeinsame Arbeit aus.

Gute Kommunikation erfordert Präsenz von beiden Seiten aus.

Gelungene Kommunikation erfordert Präsenz von beiden Seiten aus.

Anstatt also beim nächsten Mal wieder penibel meinem innerlichen Drehbuch zu folgen, werde ich versuchen, mich einfach auf das Wesentliche zu besinnen: Mein Pferd! Denn im Grunde ist es nur Sicherheit, die wir suchen, indem wir uns an unser inneres Drehbuch klammern. Doch dort finden wir sie nicht – stattdessen können wir sie bei unserem Pferd finden, welches bei Zuschauern oder dem Auftauchen einer Kamera sicherlich weniger in Aufregung verfällt, als wir 😉
Danke Khayman für diese wertvolle Lektion, die ich mal wieder von dir lernen durfte. Auch wenn ich mir heute diesen Schrecken und die Tränen der Erleichterung, mein Pferd wieder zu haben, gerne gespart hätte, so war der Tag dennoch eine Bereicherung. Und mal wieder bestätigen mir meine Erfahrungen, dass Pferde die besten Persönlichkeitstrainer sind, die man sich wünschen kann: direkt, unerbittlich, aber niemals nachtragend.

Direkt, unerbittlich, aber niemals nachtragend: Unsere Lehrmeister fürs Leben!

Direkt, unerbittlich, aber niemals nachtragend: Unsere Lehrmeister fürs Leben!

 

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1 Kommentar

  1. Du fasst wieder mal genau das in Worte, was ich so gut von mir selbst kenne und schon so oft erlebt habe, und immer wieder passiert mir das gleiche, wenn auch nicht mehr so häufig und ausgeprägt, immerhin 😉
    Und ich muss zugeben, ich finde es sehr erleichternd zu lesen, dass es auch dir manchmal so geht und sogar du mal von Khayman stehen gelassen wirst. 😉 Sorry ;D

    Wie oft stand ich schon ohne Pferd allein im Wald? Wie oft hab ich mich nur auf die Kamera und meine Schwester dahinter konzentriert, und dabei das Pferd „vergessen“? Wie oft wollte ich schon eine genau vorgedachte Pose für das Bild erzwingen und war dann enttäuscht, wenn die Bilder nicht genau so waren, wie ich sie schon vorher in meinem Kopf hatte? Gerade heute ist mir das auch wieder passiert *seufz* aber immerhin hab ich mich trotzdem auf Joy konzentriert, wenn auch nicht so sehr wie es angemessen gewesen wäre…
    An diesem Punkt muss ich eindeutig noch sehr arbeiten!

    Ich finde es einfach klasse dass du auch von solchen Tagen berichtest! Das zeigt einfach dass auch sowas dazu gehört, und wir alle erhalten dadurch die Möglichkeit, evtl. aus deinen Fehlern zu lernen sozusagen =)
    Und unter anderem deshalb mag ich eure Seite/den Blog soo gern, ich könnte dir jetzt keine nennen, die für mich vergleichbar ist, ehrlich gesagt… 😉

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