Alessa Neuner

A Life dedicated to Horses

Der Weg ist das Ziel: Vertrauensarbeit

2011-3

So oft werde ich gefragt: „Wie hast du es geschafft, so ein Vertrauen zu deinen Pferden aufzubauen?“ Eine Antwort fiel mir immer schwer, denn es steckt so viel dahinter. Doch heute möchte ich euch mitnehmen auf eine kleine Reise in die Vergangenheit, hin zu den ersten gemeinsamen Tagen mit meinem Araber Khayman.

Den Schubs dazu gegeben hat mich die Nominierung der lieben Miri von MeinFaible, die im Sinne der Aktion „Ein Herz und eine Seele“ von der Pferdeflüsterei einen wirklich berührenden Artikel geschrieben hat. Nun möchte also auch ich euch meinen Weg zum Vertrauen erzählen.

Wie ihr vielleicht wisst, verliebte ich mich vor ziemlich genau 7 Jahren in einen kleinen schwarzen Vollblutaraberhengst namens Khayman. Unsere erste Begegnung war zwar irgendwie Liebe auf den ersten Blick, aber harmonisch war unser Start dafür ganz und gar nicht. Ich möchte nun nicht auf die ganzen letzten 7 Jahre eingehen (eine emotionale Bilder-Geschichte dazu findet ihr hier), sondern mit euch ein paar besondere Momente und Phasen Revue passieren lassen.

Als Khayman als Jährlingshengst in mein Leben trat, raubte er mir mit seiner Art erstmal jegliches Vertrauen. Um es mir dann Stück für Stück auf eine besondere Art zurückzugeben.

Als Khayman als Jährlingshengst in mein Leben trat, raubte er mir mit seiner Art erstmal jegliches Vertrauen. Um es mir dann Stück für Stück auf eine besondere Art zurückzugeben.

Von unserem Araber Emanson waren wir ein freundliches, in sich ruhendes Pferd gewöhnt. Doch als Khayman in meine Welt trat, kam dieses Bild ein wenig ins Wanken. Genauer gesagt stürzte es mit lautem Krachen zusammen, als ich Khayman am ersten Tag auf die Koppel bringen wollte.
Khayman lief einige Schritte brav mit, bis er explodierte: Er stieg senkrecht in die Luft, kam auf mir wieder zu Boden, biss mich herzhaft in die Schulter und sprang wie eine Hummel am Strick herum. Diese Vorstellung sollte nicht die letzte bleiben – die nächsten Wochen und Monate behielt Khayman dieses Verhalten bei. Warum ich euch das erzähle? Weil mein Vertrauen an diesem ersten Tag so ziemlich komplett abhanden kam. Nicht nur das Vertrauen in dieses wilde Jungpferd, sondern noch viel schlimmer: das Vertrauen in mich selbst. Und hier sind wir bereits an einem sehr wichtigen Punkt auf dem Weg zum Vertrauen angekommen. Ich möchte euch hierzu einen – wie ich finde – sehr weisen Spruch mit auf den Weg geben:

Durch Vertrauen in sich selbst und in die eigenen Fähigkeiten stellt sich der Glaube ein, den wir brauchen, um Güte, Freundlichkeit, Mitgefühl und uneigennützige Liebe zu entwickeln. Glaube und Vertrauen sind unverzichtbar, wenn es um das Wachstum unserer positiven menschlichen Eigenschaften geht. Sie bilden den fruchtbaren Boden, auf dem alle Samen heranreifen, die letztendlich zu positiven Erfahrungen führen.

Auch wenn Khayman mich lehrte, dass ich noch sehr sehr viel zu lernen hatte, so lehrte er mich auch eines: das Vertrauen in sich selbst nicht zu verlieren. Niemals kam es mir in den Sinn, dieses Pferd aufzugeben. Denn ich wusste immer, dass er mein Leben nie mehr verlassen soll. Dieses Wissen gab mir die Stärke, immer weiterzumachen. Ich denke, dieses Urvertrauen in die Richtigkeit der Dinge ist immens wichtig. Ich vertraute darauf, dass das Leben schon noch die richtige Richtung finden würde. Ohne dieses Grundvertrauen ist es uns denke ich nicht möglich, auch belastende Zeiten durchzustehen.

Unsere ersten gemeinsamen Schritte waren alles andere als harmonisch. Doch wir hatten uns auf die Suche nach unserem ganz eigenen Weg gemacht...

Unsere ersten gemeinsamen Schritte waren alles andere als harmonisch. Doch wir hatten uns auf die Suche nach unserem ganz eigenen Weg gemacht…

Doch zurück zu Khayman: Nachdem er mir mit dem Schock des ersten Tages erstmal jegliches Vertrauen raubte, war es an mir, Tag für Tag wieder ein Neues aufzubauen. Es war nicht das Vertrauen, was ich zu Emanson spürte und auch sonst kein „vertrautes Vertrauen“ – es war einfach unser Weg. Ich denke, das ist wirklich wichtig zu realisieren:

Es gibt auch für Vertrauen keine allgemeine Definition, keine Richtlinie.

Wie eine vertrauensvolle Beziehung zwischen zwei Wesen auszusehen hat, kann nur individuell empfunden werden. So entstand also langsam eine Bindung zu Khayman, die uns Momente der Ruhe und der Entspannung ermöglichte.

Ganz entscheidend war dabei vor allem am Anfang, Khayman trotz fehlendem Vertrauen nicht mit Misstrauen zu begegnen. Ich denke das ist es, was so vielen Menschen ebenfalls so schwer fällt. Hat man einmal negative Erfahrungen gemacht, ist man natürlich geneigt dazu, diese auch in der folgenden Zusammenarbeit mehr oder weniger zu erwarten. Das ist das Selbe wie ein Pferd, welches Angst vor Sätteln hat und bei jeder Bewegung Richtung Rücken bereits einen „schlimmen Sattel“ vermutet. So ein Pferd muss vor jeglicher anderer Arbeit als erstes einmal lernen, seine Ängste zu kontrollieren. Womit wir beim nächsten wichtigen Stichpunkt angelangt wären: dem sogenannten Vertrauensvorschuss.

Es gab Tage, an denen vertrauten wir uns mal mehr und mal weniger. Doch sobald der eine mal Schwäche zeigte, war der andere da, um ihm wieder Mut zu machen. Der Weg zum Vertrauen kann nur gemeinsam gegangen werden.

Es gab Tage, an denen vertrauten wir uns mal mehr und mal weniger. Doch sobald der eine mal Schwäche zeigte, war der andere da, um ihm wieder Mut zu machen. Der Weg zum Vertrauen kann nur gemeinsam gegangen werden.

Auch wenn Khayman mir immer wieder Anlass genug Bot, Angst vor ihm und seinen Reaktionen zu haben, so versuchte ich jeden Tag wie ein leeres, weißes Blatt zu beginnen: unbeschrieben und unvoreingenommen. Dies ist definitiv leichter gesagt, als getan und nicht immer erreicht man das Ideal. Aber es sich zumindest vorzunehmen ist schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Nur wenn wir unserem Pferd immer wieder vertrauensvoll begegnen, kann es uns irgendwann ebenfalls Vertrauen schenken.

Wie ging es also mit Khayman und mir weiter? Wir lernten voneinander. Jeden Tag verbrachten wir einige Stunden gemeinsam im Gelände, wir gingen einfach „nur“ Spazieren. Das war schon Herausforderung genug, denn Khayman hatte so einiges auf Lager, was er gerne loswerden wollte: Beißen, Steigen, Davonrennen, Jimmy beißen, wieder Steigen und so weiter. Ja, ich war verzweifelt. Sehr sogar. Aber ich biss mich durch und ich wusste es damals zwar nicht so wie heute, aber ich begann, mit positiver Verstärkung zu arbeiten: Jegliches Verhalten von Khayman, das in die richtige Richtung ging, verstärkte ich mit ausgiebigem Lob. Und mit ausgiebig meine ich auch ausgiebig: es gab leckere Futterbelohnung, größte (ehrliche!) Freude und Anerkennung und letztendlich Entspannung und Zufriedenheit auf beiden Seiten.

bla bla khayman blan na

Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit lässt sich erreichen, indem man die Stärken und das gewünschte Verhalten belohnt und verstärkt und so eine positive Grundstimmung schafft.

Entscheidend auf dem Weg zum Vertrauen ist also meiner Meinung nach bildlich gesehen die Umgebung links und rechts von euch – sucht euch Bedingungen, bei denen ihr euch höchst wahrscheinlich wohl fühlen werdet und bei denen ihr euer Pferd werdet loben können. Das ist kein sich Drücken, sondern das ist einfach klug: Indem ich mit Khayman Wege und Situationen aussuchte, in denen er mir ein tolles Verhalten zeigte und ich dieses groß loben konnte, begann er, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. Er wollte mehr von diesem schönen Gefühl, wenn wir uns gemeinsam über gelungene Dinge freuten. So schuf ich nach und nach eine Basis, die für uns beide positiv besetzt war und in der wir uns wohl fühlten – der Grundstein für Vertrauen. 

Diese Basis lies sich immer weiter ausbauen, bis wir irgendwann nicht nur auf wirklich harmonische Art zusammen Spazieren gehen konnten, sondern auch undenkbar schwierige Aufgaben lösen konnten. Natürlich blieben die Rückschläge nie aus, auch heute noch nicht. Doch das ist nicht schlimm, denn wir haben immer einen Ort, an den wir uns zurückziehen können und an dem ein tiefes Vertrauen herrscht.

Dieser Ort, der natürlich viel mehr eine gemeinsame Einstellung ist, ist mir heilig.

Ich tue alles dafür, ihn zu pflegen und nicht zu verletzen. Denn von dort aus kann ich unser Vertrauen immer weiter wachsen lassen, sodass irgendwann vielleicht alle Situationen mit einer Decke aus Vertrauen umhüllt sein werden – eine schöne Vorstellung, oder nicht?

Dieses Bild verdeutlicht Khayman und mein Vertrauen zueinander. Was viele nicht sofort erkennen: Der Mut, den es uns beide gekostet hat, dieses wunderbare Verhältnis entstehen zu lassen.

Dieses Bild verdeutlicht Khayman und mein Vertrauen zueinander. Was viele nicht sofort erkennen: Der Mut, den es uns beide gekostet hat, dieses wunderbare Verhältnis entstehen zu lassen.

Heute habe ich mit Khayman eine Beziehung erreicht, die ein unerschütterliches Grundvertrauen zu Grunde hat. Dennoch gibt es immer wieder Tage, an denen an unserem Vertrauen gerüttelt wird und wir stark sein müssen, um es nicht zu schmälern. Und ich denke, das ist es, was mir fast das wichtigste Ziel in jeglicher Zusammenarbeit mit meinen Pferden ist: Das Stärken unseres Vertrauens, das Ausbreiten unseres heiligen Ortes, sodass wir gemeinsam stark genug für die Welt sind. 

Ich nominiere Lina von den Nordfalben und Ann-Christin von Ponyliebe,  uns ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen.

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10 Kommentare

  1. Hallo Alessa,

    ich habe schon viele Videos, Bilder und Beiträge von Dir gesehen und -lesen. Auch bin ich in Deiner FB Gruppe. Es ist wunderschön was und wie Du schreibst. Ich bin relativ neu in die „eigenes Pferd“ Geschichte eingestiegen und befinde mich noch in der Findungsphase…manchmal habe ich allerdings das Gefühl, ich schaffe es nie eine vertrauensvolle Bindung zu meinem Pferd einzugehen. Ich habe mit Vertrauen und Bindung sehr schlechte Erfahrungen gemacht…schon in ganz jungen Jahren. Und auch wenn ich wirklich alles für mein Pferd mache…fehlt mir das Vertrauen in mich. Wie soll/kann mir dann mein Pferd vertrauen? Manchmal ist es echt sauschwer…allerdings hat mich der liebe Gott mit Durchhaltevermögen ausgestattet 🙂 und ich arbeite hart an mir um unsere Pferde/Mensch Partnerschaft auf Vertrauen basieren zu lassen. Und solche Pferde/Mensch Beziehungen wie Du und Khayman helfen uns dabei. Vielen Dank dafür.
    Ganz liebe Grüße
    Maria

    • Alessa

      11. Juni 2015 um 15:22

      Liebe Maria, du hast recht – es ist wirklich sauschwer. Ich war wirklich oft an einem Punkt mit Khayman, wo ich so wie du an mir selbst gezweifelt habe. Es kann ganz schön hart sein. Aber dann kommen diese kleinen Momente mit den Pferden, wo sie uns plötzlich einfach volles Vertrauen schenken und das entschädigt dann wieder alles 😉 Bleib stark und auf deinem Weg und vor allem: Glaub an dich und deine Fähigkeiten! 🙂
      Ganz herzliche Grüße!
      Alessa

  2. Sehr schöner Artikel….. für mich war der Weg schon 20 Jahre so…

    und dann kommt ein neuer Lebensabschnitt… meine Tochter und ihr wildes Pferd!!! Er rast aus der Halle, zerstörte die Bande meiner Reithalle… meine Tochter ist 10 Jahre… kann ich sie in Gefahr bringen, was heißt das???

    Wie kann sie vertrauen in ihr Pferd bekommen, wie kann er vertrauen lernen??

    Wir sind auf dem Weg… Als Mutter für mein Kind und für ihr Pferd…

    Es ist ermutigend andere Geschichten zu lesen und zu lächeln… JAAAA, so ist der Weg !!!

  3. christel cub

    11. Juni 2015 um 19:59

    ja es stimmt, es ist sauschwer sich das Vertrauen seines Pferdes zu erarbeiten und ich fange auch jedesmal neu an, aber aufgeben kommt nicht in Frage. Ich arbeite 6 Jahre intensiv mit ihr und bin noch lange nicht am Ziel. Habe aber immer Teilerfolge und die ermuntern mich weiter zu machen

  4. Wunderschön! Ich freue mich sehr, dass du mitgemacht hast und eure inspirierende Geschichte erzählt hast. Ich glaube auch, genau wie Du, dass das Vertrauen in die Zukunft, in das Pferd und in das „Wir“ die Basis für alles sind. Wenn ich dem Pferd nicht vertraue, wie soll es dann als Fluchttier auch nur Ansatzweise an den Punkt kommen, mir zu vertrauen? Dein Ansatz mit ihm erst einmal nur Situationen zu suchen, in dem du dich mit ihm freuen kannst, ist toll. Er wird in meinem Kopf gespeichert und vielleicht muss ich ihn dann auch aus der Schublade holen, wenn meine Jungstute kommt. Denn genau wie Du, habe ich nicht vor sie wieder herzugeben. Du und Khayman seid das beste Beispiel, dass Mensch und Pferd zusammenwachsen können, wenn der Mensch Vertrauen, Zeit und Geduld schenkt. Alles Liebe und bis bald, Petra

  5. Liebe Allesa,
    dieser Bericht von Euch bestärkt mich in einer Zeit des zweifelns an mir und meiner Stute Zoe weiter zumachen. ..
    nicht aufzugeben und an ums zu glauben. ..
    DANKE …

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