Alessa Neuner

A Life dedicated to Horses

Zu Hause bei Klassikausbilderin Anja Beran 

Anja Beran auf PRE-Hengst "Ofendido" in der Piaffe

Anja Beran auf PRE-Hengst „Ofendido“ in der Piaffe

Strahlender Sonnenschein, ein frischer Windzug, sanfte Berghügel und der Duft von Frühling in der Nase. Bei solchen Bedingen kann man sich nur wohlfühlen und ein wenig stellt sich – schon bevor man überhaupt angekommen ist – die Wehmut ein, diesen idyllischen Ort am Abend wieder verlassen zu müssen.

Heute bin ich eingeladen bei Klassikausbilderin Anja Beran auf ihrem wunderschönen Rosenhof im Allgäu. Die erste öffentliche Morgenarbeit des Jahres steht an und obwohl durchaus fachkundiges Publikum die Ränge besetzt, scheint der Friede der Natur auch vor den Hallentüren kein Halt zu machen. Die ersten Pferde werden bereits in der Halle aufgewärmt und trotz den vielen Besuchern und der Spannung in der Luft, herrscht eine friedliche und einfach harmonische Stimmung. Woran das liegt, wird einem klar, sobald man das Herz des Unternehmens entdeckt: Anja Beran sitzt mit einem leisen Lächeln auf ihrem Pferd und beobachtet das Geschehen. Gleichzeitig präsentiert sich ihr Pferd völlig mühelos und mit einer wunderschönen Präsenz dem Publikum. Diese Mühelosigkeit und Ruhe, gepaart mit einer unglaublich anziehenden Präsenz und Energie wird diesen Tag prägen.

Nach vielen mitgeschriebenen Seiten, einem spannenden Austausch mit Frau Beran persönlich und einem nicht mehr enden wollendem Gedankenstrom möchte ich nun den Tag mit euch noch einmal Revue passieren lassen. Es werden noch weitere einzelne Artikel zu diversen Themen folgen. Doch heute möchte ich euch einfach mitnehmen auf eine kleine Reise zur klassischen Reitkunst, einer Reise zur Harmonie von Körper und Geist, von Pferd und Mensch im Einklang.

Gleich zu Beginn des Vormittags betritt ein junger Spanierhengst die Halle. Man merkt ihm seine Unsicherheit noch sehr an und dementsprechend ruhig wird mit ihm kommuniziert. Am Kappzaum darf sich das junge Pferd nun erstmal ohne Reiter auf dem Zirkel bewegen. Hier erläutert Frau Beran sehr anschaulich die körperlichen Probleme dieses jungen Pferdes, welche später unter dem Sattel gezielt bearbeitet werden können. Gleich einer der ersten Sätze lässt mich ein innerliches „Ja, ja ja!“ herausrufen: Der Einsatz von Hilfszügeln wird stark kritisiert und für unnötig oder gar schädlich befunden. Dieser mag vielleicht das ein oder andere Problem kaschieren. Doch so hindert er uns auch gleichzeitg daran, die Probleme zu erkennen und sie so korrekt bearbeiten zu können. Noch viele weitere Argumente sprechen gegen den Gebrauch dieser falsch verstandenen Hilfsmittel. Hierzu wird es demnächst einen Artikel geben.

Beim ersten Galopp explodiert der junge Spanier in ein wildes Vorwärts – doch anstatt zu Strafen, lässt Frau Beran das Jungpferd laufen und fängt ihn ruhig mit ihrer Stimme wieder ein.

„Das Vorwärts ist das allerhöchste Gut bei einem jungen Pferd“

teilt sie dem Publikum mit. Dementsprechend vorsichtig fasst sie die Pferde an. Diese Sensibilität geben die Pferde jederzeit zurück, das sieht man jedem einzelnen von ihnen an. Auch als die Ausbilderin „Vera Munderloh“ anschließend in den Sattel des Pferdes steigt, wird äußerste Ruhe und Feinheit beibehalten. Das wiederum wird auch konsequent vom Pferd verlangt. So gehört ein absolut ruhiges Stehen beim Aufsteigen zu den Basics und wird auch von den unruhigsten Pferden vom ersten Moment an gefordert.

Als der Spanier nun mitsamt Reiter auf dem Zirkel um Frau Beran herumläuft, wird einmal wieder ihre Präsenz und in sich ruhende Ausstrahlung deutlich. Das junge Pferd fängt an, sich zu beruhigen und kann so trotz Publikum schlussendlich ein paar schöne, entspannte Runden in der Halle laufen. Dies liegt mitunter auch daran, dass stets darauf geachtet wird, was die Pferde in diesem Moment leisten können. Ganz bewusst wird also heute bei diesem Pferd auf den Galopp verzichtet.

Vera Munderloh auf Hengst "Maestoso Stornella" im Galopp

Vera Munderloh auf Hengst „Maestoso Stornella“ im Galopp

Und schon betritt das nächste Pferd die Halle und ein weiteres Kapitel wird angeschlagen: Das Thema der natürlichen Schiefe und der Geraderichtung durch den Reiter. Anhand des Lippizanerhengstes „Maestoso“ erklärt die Ausbilderin sehr anschaulich und praxisnah, woran man die beim vorherigen Jungpferd schon deutlich demonstrierte Schiefe erkennen kann. Währenddessen wird das imposante Pferd bereits in den entsprechenden Lektionen gearbeitet, die seine steife Seite lösen und seine schwache Seite stärken sollen. Unglaublich praxisnah schafft es Frau Beran so, den Zuschauern den Weg zu einem geradegerichteten Pferd, welches sich ausbalanciert im Gleichgewicht befindet, zu vermitteln.

Bei dieser Arbeit kommt die Ruhe und konzentrierte Zusammenarbeit von Pferd und Reiter zum Ausdruck. Der Schritt ist von einem sehr langsamen Tempo und dennoch scheint das Pferd vor Kraft zu strotzen und man spürt förmlich die geschmeidige Kraft, die hinter den ruhigen Bewegungen steckt. Trotz aller Faszination fallen natürlich auch bei diesem Paar Disharmonien auf. Doch diese werden nicht wie oft üblich mit Zügelzug und erzwungener Beizäumung kaschiert. Im Gegenteil haben die Pferde vorne sehr viel Freiraum. Dementsprechend haben sie auch die Freiheit, sich mal zu verwerfen, mal den Hals fest zu machen, zu tief oder zu hoch zu nehmen – doch warum dies absolut unwichtig ist, bringt Frau Beran wieder einmal in einem einzigen Satz auf den Punkt:

„Wir reiten nicht den Hals, sondern den Rücken und die Hinterhand des Pferdes. Der Hals wird von alleine kommen.“

Mit diesem wertvollen Gedanken im Kopf verlässt uns das harmonische Paar und das nächste Pferd betritt die Halle: Der liebevoll „Fredy“ genannte Frederiksborger Hengst erscheint mit seiner Reiterin. Ein harmonisch wirkendes, kraftvolles und ausdrucksstarkes Pferd steht nun vor uns. Dass dies nicht immer so war, erklärt uns die Ausbildern und mit jedem Wort spürt man die Liebe und Passion, die sie in dieses Pferd gesteckt hat. Denn bei aller Technik und all dem imensen Wissen geht hier eines scheinbar nie verloren: Die Liebe und der Respekt vor jeder einzelnen Kreatur und die Achtung vor der individuellen Persönlichkeit.

Praktikantin der Stiftung auf Frederiksborger "Fredy" in der Piaffe

Praktikantin der Stiftung auf Frederiksborger „Fredy“ in der Piaffe

So darf auch Fredi seine Eigenheiten behalten und zeigen, was er von der Arbeit hält. Ist diese Antwort manchmal vielleicht ein wenig mürrisch, so spürt man dennoch, wie bemüht und mit welcher Freude er mitarbeitet. Als ehemaliger Durchgänger schafft es dieses stattliche Pferd heute, auf kleinstem Raum elegante Bewegungen auszuführen. Wie ein Pferd lernen kann, sich geschmeidig wie eine Katze zu bewegen, demonstriert uns Anja anschaulich mit ihren eigenen Füßen. Sie erklärt, wie wichtig es ist, einem Pferd zu lehren, mit Muskelkraft zu arbeiten. So leise, wie die ausgebildeten Pferde sich hier bewegen, wird jedem deutlich, wie schonend diese Art der Bewegung für Sehnen, Bänder und Gelenke ist. Anstatt in schnellem Tempo Lektionen abzuspulen, werden die Pferde hier auf kleinstem Raum in völliger Ruhe geschmeidig gemacht. So schließen sie sich immer mehr – Vorhand und Hinterhand kommen zusammen und aus der meist schon mitgebrachten Schubkraft der Pferde entsteht Tragkraft. Diese Tragkraft ist es, welche es uns Reitern erst möglich macht, den Rücken der Pferde zu benutzen, ohne sie zu verschleißen.

So findet die Basis der Ausbildung stets in einem ruhigen, gesittetem Tempo statt. Dass dies keineswegs bedeutet, auf Energie und Ausdruck zu verzichten, zeigen uns all die präsentierten Pferd bei eindrucksvollen Piaffen und Passagen. Frau Beran deutet explizit darauf hin, dass die ihr anvertrauten Pferde stets zuerst die Lektionen die Piaffe und Passage erlernen, bevor es an strapazierendere Übungen wie den verstärkten Trab geht. Nur wenn das Pferd gelernt hat, seine Tragkraft unter dem Reiter einzusetzen, kann es die Lektionen mit vermehrter Schubkraft ausführen, ohne dabei Schaden zu nehmen.

Dass diese Art der Pferdeausbilung alles andere als eintönig ist, zeigt uns der flinke Ponywallach „Chuck“ unter seiner Besitzerin. Mit Anjas Anleitung gelingen den Beiden Bewegungen voller Anmut, Dynamik und Stolz. So mancher hätte das von einem Pony wohl nicht erwartet – Anja Beran jedoch hat auch hierzu eine klare und eindeutige Meinung: Egal welche Rasse, welche körperlichen Probleme oder ungünstigen Voraussetzung – jedes Pferd kann diese Art der Bewegung lernen und dabei, wie sie so schön sagt „brillieren“. Dass kein Pferd für ihre Arbeit zu schlecht ist zeigt die bunte Mischung der Pferderassen, die an diesem Tag präsentiert werden.

Vera Munderloh auf Lippizanerhengst "Favory Toscana" im Kompliment

Vera Munderloh auf Lippizanerhengst „Favory Toscana“ im Kompliment

Als letztes Pferd betritt der wunderschöne Hengst „Favory Toskana“ die Reithalle. Unter Vera Munderloh zeigt er Lektionen der Hohen Schule in solch einer geschmeidigen Präsenz, dass die Zuschauer kaum noch Luft zu holen scheinen. Dieses Pferd spiegelt perfekt die anziehende Persönlichkeit seiner Ausbilderin wider und verdeutlich auf wunderschöne Art, welch grandioses Resultat die richtige Ausbildung erzielen kann.

Als das letzte Pferd die Halle verlässt, scheint das Publikum mindestens genauso entspannt und zufrieden zu sein, wie die gearbeiteten Pferde. So gibt uns die Ausbilderin mit auf den Weg, dass wir für unser Pferd die Position eines Physiotherapeuten einnehmen sollen – das Pferd soll jeden Tag aus der Halle gehen und sich dabei besser fühlen als vor der Einheit. Dies wird auf Dauer ein zufriedenes Pferd garantieren, dass mit Freunde all sein Potenzial in die Arbeit einbringen möchte.

Die Stimmung der Pferde scheint sich auch auf das Publikum übertragen zu haben – man sieht nur durchwegs freundliche, entspannte und neugierige Gesichter. Selten habe ich eine solch friedliche Gruppe von Pferdemenschen auf einem Fleck getroffen. Es scheint, als hätte Anja Beran einen Weg gefunden, nicht nur jedes Pferd in seinem Können abzuholen und zu fördern, sondern auch jeden Reiter. Ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal von dieser einzigartigen Pferdefrau inspirieren zu lassen – ich bin mir sicher, dass diese besondere Art der Kommunikation mit Pferd und Mensch jeder spüren und genießen kann.

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2 Kommentare

  1. Hi Alessa, danke für diese wunderschöne Reportage. Sie fühlt sich beim Lesen genauso harmonisch und zufrieden an, wie Du das Training bei Anja Beran beschreibst. Ich werde sie auch am Wochenende besuchen und kann es kaum erwarten. Spätestens jetzt – nach Deiner Reportage – noch weniger. Danke für den schönen Einblick und liebe Grüße, Petra

  2. Danke für die wunderbar geschriebenen Einblicke… Hatte auch schon öfter mal darüber nach gedacht, aber ist einfach super weit von mir weg. Umso schöner mal darüber lesen zu dürfen!!

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