Alessa Neuner

A Life dedicated to Horses

Heu, Heu und nochmal Heu!

Die richtige Fütterung trägt entscheidend dazu bei, dass unsere Pferde ausgeglichen und zufrieden sind.

Die richtige Fütterung trägt entscheidend dazu bei, dass unsere Pferde ausgeglichen und zufrieden sind.

Meine Pferde können in unserem Stall stets frei entscheiden, ob sie sich lieber auf dem Paddock, dem Trail oder im Unterstand aufhalten wollen. Genauso können sie frei entscheiden, ob sie Heu fressen oder am Gras zupfen wollen. Und das den ganzen Tag lang! Immer noch werde ich von Passanten für diese Art der Pferdehaltung schräg angeschaut. Ein Pferd müsse doch schließlich im Stall stehen, zumindst nachts und im Winter sowieso! Dieses Unwissen macht mich, gelinde gesagt, sehr wütend. In der Pferdehaltung und – Fütterung existieren immer noch so viele uralte Märchen, die sich hartnäckig zu halten scheinen.

Ein besonders wichtiger Punkt der artgerechten Pferdehaltung ist in meinen Augen die ausreichende Fütterung von gutem Heu. Immer noch wird an diesem Irrglauben festgehalten, ein Pferd dürfe nur portionsweise Heu bekommen, außerdem lasse ein dicker Bauch eindeutig auf ein dickes Pferd schließen. Diese Meinung ist so falsch, dass es mir die Haare aufstellt.

Hohes Gras, so weit das Auge reicht. Genau das, was ein Pferd braucht? Das ist fraglich...

Hohes Gras, so weit das Auge reicht. Genau das, was ein Pferd braucht? Das ist fraglich…

Lasst uns einen kleinen Ausflug in eine Wildpferdeherde machen. Ja, ich höre schon das Geschrei: „Aber unsere Pferde sind eben keine Wildpferde mehr!“ Meine Meinung zu dem Thema könnt ihr in dem Artikel Das Wildpferde-Argument nachlesen.  Tatsache ist jedoch, dass der Genpool unserer Hauspferde praktisch der Selbe ist wie der ihrer wilden Vorfahren. Dementsprechend haben sie auch die selben Bedürfnisse bezüglich Fütterung. Ein Wildpferd verbringt durchschnittlich 18 Stunden am Tag mit Futteraufnahme. Dabei bewegt es sich kontinuierlich meist im Schritt vor sich hin. Um die dabei aufgenommene Masse an Raufutter verdauen zu können, produziert das Pferd eine große Menge Säure. Diese Säure wiederum wird durch die im Speichel enthaltene Lauge neutralisiert. Was aber passiert, wenn das Pferd weniger als diese 18 Stunden Futter aufnimmt, also keinen Speichel produziert?

In einem durchschnittlichen Reitstall wird – wenn es hoch kommt! – morgens, mittags und abends Heu gefüttert. Wenn die Pferde Glück haben, reichen diese Portionen jeweils vielleicht 2 Stunden. Das macht insgesamt 6 Stunden Fressen am Tag. Doch was passiert in den restlichen 18 Stunden, wo das Pferd kein Futter aufnimmt und somit auch keinen neutralisierenden Speichel bildet? Ganz einfach – die Säure greift die Magenschleimhaut an. Das Ergebnis davon ist, dass heute laut diversen Studien rund 70% all unserer Pferde an Magengeschwürden leiden. Das heißt, nur 3 von 10 Pferden haben keine Magenprobleme, nur 3 von 10 Pferden erleiden keine ständigen Schmerzen! Das ist eine Zahl, die mir gar nicht in den Kopf gehen will.

Boxenhaltung mit 3 mal täglich einer Portion Heu. So wurde es doch jahrelang praktiziert - warum nicht auch heute noch? Es gibt so viele Gründe, die dagegen sprechen.

Boxenhaltung mit 3 mal täglich einer Portion Heu. So wurde es doch jahrelang praktiziert – warum nicht auch heute noch? Es gibt so viele Gründe, die dagegen sprechen.

Was bedeutet diese Erkenntnis also für mich als Pferdebesitzer und/oder -halter? Meiner Meinung nach ist es unsere Pflicht, den Bedürfnissen der Pferde so weit wie möglich nachzukommen. Perfekt wäre sicherlich, hätten wir solche Weiden und so viel Platz wie in vielen Gebieten der USA, wo sich die Pferde den ganzen Tag über von Halm zu Halm grasen können. Das können hier in Europa aber wohl die wenigsten ihren Pferden bieten und ich denke, das muss auch gar nicht sein. Was aber sein muss, ist, dass gewährleistet ist, dass die Pferde so viel Raufutter zur Verfügung haben, dass keine Fresspausen von über höchstens 3 Stunden entstehen. Denn schon ab vier Stunden Fresspause wird der empfindliche Pferdemagen geschädigt. Und nein, da gibt es keine Ausnahmen!

Sicherlich werden die meisten Pferde zunehmen, bekommen sie einfach bergeweise Heu vor die Nase gelegt. Doch gibt es durchaus Methoden, Pferden diese lange Zeit der Futteraufnahme zu ermöglichen. Es erfordert manchmal lediglich etwas Kreativität und Engagement von Seiten der Besitzer aus. Heunetze bieten die Möglichkeit, große Mengen Heu sauber zu füttern und die Pferde damit lange zu beschäftigen. Weiter kann Heu in Portionen über einen Rundlauf verteilt werden. Das bietet den Vorteil, dass sich die Pferde bei der Futteraufnahme gleichzeitig bewegen.

Heunetze vertreiben die Langeweile und sorgen für eine kontinuierliche, langsame Futteraufnahme.

Heunetze vertreiben die Langeweile und sorgen für eine kontinuierliche, langsame Futteraufnahme.

Wie auch immer man seinen Pferden die Futteraufnahme gestaltet – es ist machbar, dass ein Pferd ohne Magengeschwür leben kann! Meine Pferde bekommen rund um die Uhr Heu gefüttert – aus Netzen ebenso wie in Portionen über den Rundlauf verteilt. Und ja, meine Pferde haben meist einen runden Bauch. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie zu dick sind! Ein runder Bauch bedeutet lediglich, dass er mit Wasser und Heu gefüllt ist, was eigentlich Dauer-Zustand sein sollte! Einem zu runden Bauch kann ich mit gezielter Muskelarbeit entgegen wirken. Ein kleines Bäuchlein jedoch wird immer bleiben – für mich eindeutig ein Zeichen für ein gesundes Pferd!

Ein weiterer Grund für unbegrenzte Fütterung ist für mich die Tatsache, dass diese Pferde um einiges entspannter, langsamer und weniger (!) fressen. Für ein Pferd ist es sehr belastend, wenn die Ressource Futter ausgeht. Wird also das Heu portioniert, geht es bei jeder Fütterung darum, möglichst schnell möglichst viel zu sich zu nehmen. Eigentlich genau das, was wir bei eh schon mopsigen Pferden verhindern wollen. Es dauert, bis ein Pferd sich umgestellt hat. Hat es aber mal gelernt, dass das Futter nie ausgehen wird, stellt sich in der Regel ein sehr gesundes Fressverhalten ein. Kombiniert man diese Art der Fütterung noch mit möglichst vielen Bewegungsanreizen im Auslauf, so hat man wirklich gesunde, ausgeglichene Pferde.

Auch ausgewählte Äste und Zweige gehören zur Raufütterung dazu. Die Pferde nehmen dieses Angebot dankend an!

Auch ausgewählte Äste und Zweige gehören zur Raufütterung dazu. Die Pferde nehmen dieses Angebot dankend an!

Ich hoffe sehr, dass immer mehr Pferdebesitzer verstehen werden, dass ein Pferd wie ein Pferd gefüttert werden muss, nicht wie ein Hund oder eine Katze! Meine Pferde danken mir ihr artgerechtes Zuhause mit ihrer ausgeglichenen, in sich ruhenden Art.

Wollt ihr mehr dazu erfahren, wie meine Pferde leben? Dann schaut doch mal bei uns im Stall vorbei – ich habe euch hierfür extra ein Follow Me Around zu unserem Stall gedreht. Viel Spaß beim Schauen!

Hier klicken um zu teilen...
Share on FacebookGoogle+Tweet about this on TwitterEmail to someonePrint this page

8 Kommentare

  1. Wieder mal vielen Dank für diesen Artikel! Ich finde das Thema soo wichtig, zugleich aber auch wahnsinnig schwierig (du kennst ja mein Piri-Tierchen…).
    Ich hoffe ich werde auch irgendwann, möglichst bald ;), die Möglichkeit haben, meine Pferde so zu halten, wie ihr das macht. Mit Offenstall und Paddock Trail. Das wäre echt mein Traum…

    PS: es ist total komisch, Khayman in einer Box zu sehen. Man ist ihn nur draußen gewohnt… =)

    • Alessa

      27. November 2014 um 9:13

      Liebe Rebecca, ich drück dir ganz feste die Daumen, dass sich dein Traum bald erfüllen wird! An sowas muss man einfach feste glauben! 🙂
      Khayman in einer Box ist für mich auch so ein ungewohnter Anblick. Zum Glück gibt es die Situation nicht oft, er findet das nämlich auch sehr ungewohnt und bevorzugt definitiv seine große Weite daheim 😉
      Ganz liebe Grüße!

  2. Hallo Alessa. Danke für den interessanten Rundgang. Das Konzept ist durchdacht. Welcher Anreiz veranlasst die Pferde den Rundgang unter die Hufe zu nehmen? Diese Art der Fütterung mit den verteilten Heuhaufen und Netzen ist recht aufwändig. Auch das Befüllen der Netze ist umständlich, aber dafür umgeht man Konfliktsituationen. In euerer Gruppe sind Stuten und Wallache gemischt? In welchem Monat wurde das Video aufgenommen? Eignet sich eher für kleine Betrieb wie bei euch. Gut finde ich auch den befestigten Bereich, so dass die Hufe auch mal festen Boden spüren. Grosse Bedenken hätte ich Heu auf Sandboden zu verfüttern. Es gab deswegen schon Todesfälle wegen Sandanschoppung mit völligem Darmverschluss, da die letzten Halme am Boden jeweils mit Sand aufgenommen wurden. Mit bestem Gruss Thomas.

    • Alessa

      27. Februar 2016 um 18:43

      Hallo Thomas,
      danke für dein Feedback! Motivation, den Rundlauf zu benutzen sind zum Einen immer wieder Futterangebote (verteiltes Heu, Äste etc je nach Jahreszeit) und zum Anderen auch der Drang nach Bewegung. Je nach Wetter stehen die Pferde gerne an unterschiedlichen Stellen, mal windgeschützt und mal gerne auf freier, zugiger Fläche.
      Die Heunetze sind definitiv mit viel Aufwand verbunden, ja. Wir sind auch immer noch am tüfteln, ob das nicht leichter zu machen ist. Die Pferdegruppe besteht aus Wallachen und einem Hengst. Das Video wurde im Juni aufgenommen.
      Herzliche Grüße! Alessa

  3. Liebe Alessa Neuner,
    ich möchte hier mal ein paar Worte zu der Theorie der Heu ad-lib Fütterung beim Pferd los werden, und zwar um viell ein kleines Umdenken zu erzielen und unsere Pferde gesünder zu erhalten.
    Wir habe seit 30 Jahren Pferde und ich kann diese Empfehlung per se 18 Stunden Heu zu füttern, nicht unterschreiben! Leider habe ich zu viele Pferde durch Überfütterung mit HEu (nicht Kraftfutter!) krank werden sehen. (EMS, Hufrehe, Probleme mit den GLiedmassen). Jedoch keines meiner Pferde hatte jeh ein Magengeschwür oder Symptome darauf! Was ich damit sagen will ist, dasss meiner Meinung nach die Gesundheitsrisiken bei Übergewicht viel höher sind als das Risiko an einem klinischen Magengeschwür zu erkranken. Ich finde die Ansätze gut, den Pferden einen möglichst artgerechten Lebensraum schaffen zu wollen mit der Möglichkeit immer zu knabbern. Aber knabbern ist nicht etliche Kilos Heu zu vertilgen. Meiner Meinung nach muss man bei der Pferdefütterung sehr stark differenzieren zwischen leichtfuttrigen und schwerfuttrigen Rassen. Einem Vollblut z.B. kannman sicherlich eine ad lib Heufütterung angedeihen lassen ohne ein übergewichtiges Pferd zu haben. Ganz anders sieht es da schon bei Haflingern, Norwegern, schweren Warmblütern, Isländern oder gar Shetlkandponies aus. Da kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass hier vollkommen unterschiedliche Anforderungen an die Futtermengen bestehen im Vergleich z.B. zu einem schwerfuttrigen Trakehner. Die meisten Besitzer von leichtfuttrigen Pferden schaffen es auch einfach nicht, ihren Pferde bei ad lib Heuangebot genug Arbeit angedeihen zu lassen. So wird mit dieser Form der Empfehlung, nämlich den Pferdebesitzern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn ihr Pferd nicht permanent ein Heunetz vor der Nase hat, ein Haufen kranker, viel zu dicker Pferde produziert. Das ist mit der Zeit ein trauriger, schwer zu ertragender Anblick. Nicht das ich hier falsch verstanden werde, ich bin nicht rundsätzlich gegen Heu ad lib-Fütterung, nur dann bitte auch auch die Pferde arbeiten lassen. Am besten wären Futterautomaten, die halbstündliche kleine Mengen Heu ausgeben, auf jedes Pferd individuell angepasst. Das wäre schön…

    • Alessa

      27. Februar 2016 um 18:48

      Liebe Marscha,
      danke für dein Feedback. Ich verstehe natürlich, was du meinst und kann auch dem Gedanken zustimmen, dass zu viele Pferde an Krankheiten auf Grund von Übergewicht leiden! Ich selbst habe das an meinem Araber erfahren müssen – auch diese Rassen können Probleme mit Übergewicht bekommen. Dennoch bin ich weiterhin überzeugt davon, dass in den meisten Fällen eine sinnvolle Heu ad Libitum Fütterung nicht zu Verfettung führt. Tatsächlich ist es dabei aber immens wichtig, die richtigen Rahmenbedingungen zu stellen, das ist klar. Einfach nur Heu hinlegen und Pony fressen lassen wäre eine schlechte Entscheidung.
      Doch in unserer Herde steht zb auch ein Shetty, der nicht gearbeitet wird und dennoch wird er mit dieser Fütterung nicht zu dick. Ich denke, es ist einfach sehr wichtig, die Haltungsform insofern zu optimieren, dass die Pferde ständig in Bewegung sind. Dann braucht der Besitzer weder ein schlechtes Gewissen auf Grund zu wenig Heu zu haben, noch Angst vor einem etwaigen Magengeschwür zu haben 😉
      Herzliche Grüße!
      Alessa

  4. Leider verlieren Sie kein Sterbenswort über die Art des Heus, welches Sie Ihrem Pferd 24 Stunden an 7 Tagen (sog. 24/7-Fütterung) anbieten. Wenn Sie nämlich das Heu füttern, welches Sie beim Landwirt um die Ecke bekommen, ist die Gefahr groß, dass Ihr Pferd bald „schneckenfett“ wird und über die Jahre EMS und später ein Cushing-Syndrom entwickelt.
    Warum?
    Unser Gras und somit unser Heu hat sich in den letzten 2 Jahrzehnten dramatisch verändert, vor allem hinsichtlich des Zuckergehaltes. Hochzuckergräser machen aber nicht richtig satt, Ihr Pferd frisst ständig viel zu große Mengen, weil sein Insulin-Stoffwechsel Achterbahn fährt, und DER steuert neben der Magenfüllung den Appetit.
    Eine 24/7-Fütterung ist für „normal“ arbeitende Pferde nur möglich, wenn Sie das Heu füttern, welches der Rinderhalter aus Ihrer Nachbarschaft niemals nie seinen Milch- oder Fleischrindern geben würde.
    Und das bekommen Sie in den meisten Teilen Deutschlands leider eben nicht um die Ecke: spät geworbenes, kräuterrreiches Heu von mageren, extensiv bewirtschafteten Flächen.
    Und DIESES Heu MUSS teurer sein als Kuh-Heu, seine Werbung macht mehr Mühe und Aufwand, weil auf einem Hektar Extensiv-Grünland gerade mal halb so viel wächst wie auf fetten und/oder stark aufgedüngten Intensiv-Flächen. Der Traktor braucht auf beiden Flächen-Arten aber gleich viel Diesel, fährt gleich schnell….

    • Alessa

      27. Februar 2016 um 18:50

      Lieber Hanno,
      da hast du natürlich sehr Recht! Es ist nur nicht immer möglich, bei einem Artikel auf alle möglichen Faktoren einzugehen. Schön, dass du sie uns für sie ergänzt, denn tatsächlich ist es natürlich sehr wichtig, welches Heu wir füttern!
      Herzliche Grüße, Alessa

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Alessa Neuner

Theme von Anders NorenNach oben ↑

banner