Alessa Neuner

A Life dedicated to Horses

Die verschiedenen Trainingsmöglichkeiten – Begriffe und Definitionen aus dem modernen Pferdetraining

Arbeit an der Longe - doch wie genau beeinflusse ich gerade eigentlich das Verhalten meines Pferdes?

Arbeit an der Longe – doch wie genau beeinflusse ich gerade eigentlich das Verhalten meines Pferdes?

Momentan schnappe ich immer wieder die Begriffe „positive“ und „negative Verstärkung“ auf, wenn es um Pferdetraining geht. Meist entstehen um diese Begrifflichkeiten herum wüste Diskussionen, in denen alles mögliche behauptet wird. Die eigentlichen Defintionen im Sinne der Verhaltensbiologie werden dabei gerne durcheinander geschmissen. Um hier mal ein wenig für einen Überblick zu sorgen, möchte ich mich in diesem Post dem Thema der verschiedenen Lerntheorien widmen.

Klassische und operante Konditionierung

Zunächst einmal müssen wir einen kleinen Ausflug in die Welt der Verhaltensbiologie machen. Generell unterscheidet man hier zwischen klassischer und operanter Konditionierung, wenn es darum geht, ein Tier gezielt in seinem Verhalten zu beeinflussen. Bei der klassischen Konditionierung wird einem vorerst als neutal befundenem Reiz eine gewisse neue Bedeutung zugeschrieben. So lernen Pferde zum Beispiel sehr schnell ,das Geräusch klappernder Schüsseln mit der anschließenden Fütterung zu verknüpfen. Als erlerntes Verhalten resultiert daraus zum Beispiel ein aufgeregtes Auf und Ablaufen oder Wiehern. Dieses Verhalten wurde also durch klassische Konditionierung erlernt.

Bei der operanten Konditionierung lernt das Tier durch Versuch und Irrtum. Charakteristisch ist hierbei, dass das Pferd aktiv und bewusst nach der Lösung sucht. Die Motivation hierfür kann jedoch unterschiedlich sein – so kann es zum Beispiel im einen Fall einen Ausweg aus einer unangenehmen Situation suchen oder im anderen Fall den Weg zu einer Belohnung suchen.

Sowohl operante als auch klassische Konditionierung können negativ oder positiv besetzt sein.

Bei der Desensibilisierung bringe ich dem Pferd im Grunde keine neue Verhaltensweise bei - ich lerne ihm im Gegensatz dazu, eine Verhaltensweise zu unterdrücken.

Bei der Desensibilisierung bringe ich dem Pferd im Grunde keine neue Verhaltensweise bei – ich lerne ihm im Gegensatz dazu, eine Verhaltensweise zu unterdrücken.

Sensibilisierung und Desensibilisierung

Ebenso möchte ich kurz auf die beliebten Begriffe Sensibilisierung und Desensibilisierung eingehen. Bei der Desensibilisierung lernt das Pferd genau genommen nichts dazu. Im Gegenteil lernt es, einen Reiz zu ignorieren und das ehemals damit verbundene Verhalten zu unterlassen. Dieses erlernte „Nicht-Handeln“ wird jedoch wieder schwächer, je seltener das Pferd mit der Situation konfrontiert wird. So kann ein Pferd soweit desensibilisiert werden, dass es bei einer knisternden Plane sein angeborenes Fluchtverhalten unterdrückt. Dabei wird jedoch das Verhalten nur bei dieser bestimmten Situation beeinflusst – das Fuchtverhalten an sich wird nicht abtrainiert.

Im Gegensatz dazu beinhaltet die Sensibilisierung, dass ein Pferd auf einen bestimmten Reiz immer empfindlicher reagiert. So wird es zum Beispiel auf den Druck des Reiterschenkels so weit konditioniert, dass es immer schneller auf diesen Reiz reagieren wird.
Auch bei diesen beiden Lernsituationen kann man im Sinne der Verhaltensbiologie nicht per se in positiv oder negativ unterteilen.

Die verschiedenen Trainingsmöglichkeiten

Was bedeutet dies aber nun alles für mich als Pferdetrainer? Wie kann ich beurteilen, was mein Pferd als angenehm oder unagenehm empfindet? Dazu möchte ich euch eine kurze Einteilung in die verschiedenen Trainingsoptionen bieten. Um dem Pferd etwas beizubringen, also sein Verhalten zu beeinflussen, habe ich generell vier verschiedene Möglichkeiten, welche sich in zwei Gruppen aufteilen lassen:

negativer Verstärker:

  •  Direkte Bestrafung: Ein für das Pferd unangenehmer Reiz wird zugeführt 
  • negative Verstärkung:  Ein für das Pferd unangenehmer Reiz wird entfernt

positiver Verstärker:

  • positive Verstärkung (= Belohnung): Dem Pferd wird ein angenehmer Reiz zugeführt
  • Indirekte Bestrafung: Dem Pferd wird etwas Angenehmes vorenthalten

Verstärkung generell beschreibt ein Ereignis, welches die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird. Bei der positiven Verstärkung (=Belohnung) wird ein angenehmer Reiz auf ein bestimmtes Verhalten hinzugefügt.  Die negative Verstärkung bedeutet, dass ein unangenehmer Reiz entfernt wird .

Dies darf jedoch nicht mit der Bestrafung verwechselt werden! Denn Bestrafung erhöhnt nicht die Warscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird, sondern es senkt diese! Die Bestrafung beinhaltet entweder das Hinzufügen eines unangenehmen Reizes  oder den Entzug eines angenehmen Reizes.

Der Druck des Schenkels wird als negative Verstärkung definiert. Ob das Pferd dies jedoch auch negativ empfinden muss, ist die Frage.

Der Druck des Schenkels wird als negative Verstärkung definiert. Ob das Pferd dies jedoch auch negativ empfinden muss, ist die Frage.

Die Trainingsoptionen im Alltag

Nun haben wir uns also durch einen Haufen Definitionen gekämpft – doch was bedeutet das konkret für meinen Trainingsalltag? Ich denke, generell kann man sagen, dass kein Training funktioniert, wenn man sich nur auf eine Möglichkeit beschränkt. Genauso wenig wird das Training erfolgreich sein, wenn man eine Methode strikt verweigert. Dennoch ist es wichtig, sich den verschiedenen Möglichkeiten bewusst zu sein. Denn in meinen Augen kommt es auf die Dosierung drauf an.Dabei muss ich nicht jegliches Training akurat aus verhaltensbiologischer Sicht analysieren. Aber ich muss wissen, welche Methode welche Ergebnisse erzielt.

Allgemein bekannt ist heutzutage sicherlich, dass häufiges Strafen (direkte Strafe) kontraproduktiv ist. In einer Situation, in der wir Stress empfinden, sind wir deutlich weniger fähig, etwas aufzunehmen und dazuzulernen. So geht es auch dem Pferd. Dennoch wird es auch Situationen geben, wo ich mein Pferd strafen muss. Ganz wichtig finde ich jedoch, dass ich mir dessen bewusst bin und versuche, diese Methode so selten wie möglich einzusetzen! Das einfachste ist es dabei, diese Situationen zu meiden, in denen ich strafen müsste. Habe ich also ein junges, unerfahrenes Pferd an der Hand und weiß, dass es bei der erstbesten Situation zum nächsten Grasbüschel ziehen wird, so versuche ich eben dies so lange zu vermeiden, bis ich mit meinem Pferd auf solch einer Ebene kommunizieren kann, dass ich ihm die Situation mit einer freundlicheren Methode erklären kann. Einige würden nun vielleicht sagen, dass dies umständlich oder überflüssig wäre. Ich finde es fair dem Pferd gegenüber.

Dass direktes Strafen also nicht Inhalt des täglichen Trainings sein sollte, ist denke ich jedem klar. Doch wie verhält es sich mit den anderen Optionen? Kommen wir zu der zweiten Form der Strafe – der indirekten Strafe. Hier wird, wie oben beschrieben, etwas Angenehmes vorenthaten. Dies kennen wir sicherlich alle aus unserer Kindheit – solange die Hausaufgaben nicht ordentlich erledigt wurden, gab es kein Spielen mit den Freunden. Etwas für uns Angenehmens wurde also so lange vorenthalten, bis das von unseren Eltern gewünschte Verhalten gezeigt wurde. Wie sieht das im Alltag mit unseren Pferden aus? Nehmen wir das Beispiel des Fütterns. All meine Pferde lernen hier, solange ruhig und verhalten zu warten, bis ich ihnen das Zeichen zum Fressen gebe. Joschi kannte dies anfangs nicht – er drängelte und schubste also, um an sein Futter zu gelangen. Dies wurde ihm jedoch so lange vorenthalten, bis er sein Verhalten änderte und ruhig wartete. Ihr seht also, dass die indirekte Strafe gar nicht so negativ aussehen muss, wie sie sich anhört. Ich denke, die indirekte Strafe ist eine für das Pferd als eher angenehm empfundene Option, da es sich hier selbst aktiv mit der Lösung des „Problems“ auseinandersetzen muss und kein Druck von Seiten des Menschen aus kommt.

Welche Option verspricht mir den größten Erfolg? Oder ist es vielleicht eine Kombination aus mehreren Methoden?

Welche Option verspricht mir den größten Erfolg? Oder ist es vielleicht eine Kombination aus mehreren Methoden?

Gehen wir weiter zur nächsten Option. Wie verhält es sich mit dem Begriff der negativen Bestärkung? Wo kommt sie im Trainingsalltag zum Einsatz? Ich denke, hier finden wir ganz wesentliche Elemente wie zum Beispiel das Weichen auf Druck. Sobald ich Druck aufbaue, mache ich es dem Pferd unangenehm. Zeigt es die gewünschte Reaktion, so wird der Druck weggenommen und das Pferd für das gezeigte Verhalten „belohnt“. Sobald wir also im Sattel sitzen und zum Anreiten Schenkeldruck ausüben, verwenden wir negative Verstärkung. Wenn wir am Zügel zupfen, Druck an der Flanke ausüben, um es weichen zu lassen – all das basiert auf negativer Verstärkung. So unschön sich das Wort also anhört, so hat es wohl dennoch seinen berechtigten Platz in der Welt des Pferdetrainings. Negative Verstärkung ist aus dem Alltag nicht weg zu denken.

Fazit

Wir sehen also, dass die oft so negativ geprägten Begriffe im Alltag gar nicht mal so negativ erscheinen müssen. Und dennoch möchte ich dazu raten, diese Optionen in den Hintergrund zu stellen. Denn die Option, welche für mich den meisten Erfolg verspricht, ist defintiv die postive Verstärkung. Nicht immer kann ich diese Option wählen, doch wenn ich es kann, dann ist sie für mich die erste Wahl! Das ist für mich der entscheidende Punkt im Training mit meinen Pferden!

Eine sehr bekannte Trainingsmethode basiert zum Großteil auf negativer Verstärkung. Die Pferde lernen dabei eine Menge und dabei auch oft recht schnell. Doch ein wesentliches Element fehlt mir dabei sehr – der Punkt der Freiwilligkeit! Ein Pferd, welches hauptsächlich mit positiver Verstärkung trainiert wird, möchte dazu lernen! Immer öfter wird es versuchen, sich selbst einzubringen und nach der richtigen Lösung zu suchen. Nur auf diese Art kann mein Pferd sein volles Potential ausschöpfen! Wer immer wieder erlebt, mit was für einer Leidenschaft und Motivation solche Pferde beim Training dabei sind, der versteht sicherlich, was ich meine.

Ich möchte mit diesem Text für keine bestimmte Methode im Pferdetraining propagieren. Ich möchte nur, dass ihr euch bewusst werdet, was genau ihr mit euren Pferden im Trainingsalltag macht. Genauso gebe ich euch mit diesem Wissen ein Werkzeug an die Hand, um die Arbeit anderer Pferdemenschen zu analysieren. Ich bin ein Mensch, der fast immer dazu rät, auf sen Gefühl zu hören. Doch ich denke, um ein Pferd gut und gerecht ausbilden zu können, gehört auch eine Menge Wissen dazu. Ich hoffe, dieser Beitrag konnte euch in dieser Hinsicht ein wenig bereichern.

Habe ich die Wahl, wähle ich immer die Option der positiven Verstärkung. Nur so kann mir mein Pferd sein volles Potential offenbaren.

Habe ich die Wahl, wähle ich immer die Option der positiven Verstärkung. Nur so kann mir mein Pferd sein volles Potential offenbaren.

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4 Kommentare

  1. Liebe Alessa, vielen Dank für deinen spannenden Post, ich habe von Anfang bis Ende durchgelesen. Konzentrierter bei den Definitionen, entspannter bei den Beispielen. Der nachlassende Druck hat bei mir also auch geholfen 😉 Nein im Ernst, das ist eine tolle Zusammenfassung, die mir jetzt im Hinterkopf sitzt. Dieses Thema ist gar nicht so einfach, finde ich. Ich bin ja jetzt schon ein bisschen neugierig, welche bekannte Methode Du meintest, als es um die negative Verstärkung ging? Vielleicht magst Du sie ja doch verraten. Auf jeden Fall finde ich Deinen Weg toll, den Du ganz ohne Eisen im Maul und natürlich mit Deinen Pferden gehst. Das will ich für mich und meine kleine Stute auch, wenn sie in einem Jahr endlich bei mir ist. Und es macht Mut, dass es Menschen gibt, die genau das geschafft haben. Alles Liebe, Petra

    • Liebe Petra,
      vielen Dank für dein tolles Feedback, das freut mich natürlich sehr! 🙂
      Bei der bekannten Methode hatte ich an Parelli gedacht. Ich weiß, dass viele ihre Pferde auf eine nette Art damit trainieren. Allerdings fällt mir immer öfter auf, wie negative diese Methode in der Regel umgesetzt wird. Ich möchte auch gar nicht alles schlecht reden an diesem System, einiges davon mag sicher seine Berechtigung haben. In der alleinigen Form jedoch empfinde ich diese Methode als nicht sehr pferdefreundlich. Ich hoffe, damit nicht zu vielen Leuten vor den Kopf zu stoßen, deshalb habe ich mich im Post eher allgemein ausgedrückt und darauf gehofft, dass mit diesem Beitrag jeder für sich selbst rausfinden wird, ob sein Weg der Richtige ist oder vielleicht ein Umdenken angebracht wäre… 😉
      Ganz liebe Grüße!
      Alessa

  2. tolles beitrag…konnte viel dazu lernen und habe eine bessere ubersicht jetzt..
    danke
    ich bin auch deiner meinung

  3. Hallo Alessa,

    einen sehr informativen Artikel hast du hier geschrieben. Ich würde allesrdings vorschlagen, die Begriffe anders einzuteilen. Nähmlich so:
    Verstärker:
    positive Verstärkung (= Belohnung): Dem Pferd wird ein angenehmer Reiz zugeführt
    negative Verstärkung: Ein für das Pferd unangenehmer Reiz wird entfernt
    Bestrafung:
    Direkte Bestrafung (Bestrafungstyp I): Ein für das Pferd unangenehmer Reiz wird zugeführt
    Indirekte Bestrafung (Bestrafungstyp II): Dem Pferd wird etwas Angenehmes vorenthalten

    Siehe dazu auch:
    http://flexikon.doccheck.com/de/Operante_Konditionierung

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