Alessa Neuner

A Life dedicated to Horses

Berührungen – Wie viel Nähe tut uns gut?

Durch Berührungen können Gefühle auf eine ganz besondere Weise vermittelt werden. Ohne sie wäre keine innige Bindung denkbar.

Durch Berührungen können Gefühle auf eine ganz besondere Weise vermittelt werden. Ohne sie wäre keine innige Bindung denkbar.

Letztens habe ich den guten Bekannten einer Freundin kennen gelernt. Er schüttelte mir die Hand. Und schüttelte und schüttelte. Das unangenehme Gefühl, das mich überkam, verstärkte sich noch, als sich mein Gegenüber im Gespräch ständig zu mir lehnte und mich förmlich überrannte. Ich rettete mich aus der Situation, indem ich mich flugs verabschiedete, in mein Auto stieg und davon düste. Daheim angekommen sprang mir mein Hund entgegen und drückte seine Nase in meinen Schoß. Ich atmete tief durch und erwiederte die Berührung, indem ich ihn an mich drückte und über seinen Kopf strich.
Berührungen sind so wenig aus dem Alltag wegzudenken wie Schlafen oder Essen. Ich denke, jeder könnte unzähliche Situationen aufzählen, in denen ihm gewisse Berührungen sehr unangenehm waren. Genauso (oder hoffentlich noch eher) jedoch fallen uns sicherlich Situationen ein, in denen Berührungen ganz besondere Momente erschufen. Berührungen können so viel ausdrücken – im negative wie im positiven Sinne.

Berührungen sind essentieller Bestandteil unseres Lebens. Unter anderem deswegen ist es in meinen Augen so wichtig, dass unsere Pferde in einem Herdenverband leben, wo sie ihre Bedürfnisse ausleben können. Diese vertrauensvolle Berührung von Joschi und Jimmy spricht für sich, oder nicht?

Berührungen sind essentieller Bestandteil unseres Lebens. Unter anderem deswegen ist es in meinen Augen so wichtig, dass unsere Pferde in einem Herdenverband leben, wo sie ihre Bedürfnisse ausleben können. Diese vertrauensvolle Berührung zwischen Joschi und Jimmy spricht für sich, oder nicht?

Heute kam mir in den Kopf, wie sich das Ganze eigentlich bei unseren Pferden so verhält. Halfter über den Kopf streifen, Gebiss ins Maul stecken, feste den Hals klopfen zum Loben, Füße in die Luft heben, Streicheln und Putzen am ganzen Körper – alles Berührungen, die ein Pferd selbstverständlich hinnehmen oder sogar angenehm finden soll? Ich glaube, wir können bei unseren Vierbeinern genauso wenig pauschalisieren wie bei uns selbst. Immer wieder sehe ich, wie Pferde gegenüber gewissen routinierten Berührungen einfach abgestumpft sind. Das beste Beispiel ist wohl wirklich das (früher) ganz übliche Halsklopfen als Belohnung. Wer sagt uns, dass ein Pferd diese Berührung als angenehm empfindet? Ich bin mir sicher, die meisten Pferden würden auf diese Berührung liebend gerne verzichten oder sie gegen eine andere eintauschen. So oft verlangen wir ganz selbstverständlich, dass unsere Pferde gewisse Berührungen zu akzeptieren haben, weil ein Pferd das eben so zu tun hat. Habt ihr eine Stelle am Körper, an der ihr kitzlig seid? Wie fändet ihr das, wenn euch dort jemand jeden Tag aufs Neue anfassen möchte, auch wenn ihr euch noch so windet? Sicherlich fändet ihr das eher unangenehm und würdet euch fragen, warum das denn wirklich sein muss. In etwa das Selbe müssen unsere Pferde oft von uns denken.

Kuscheln auf alle Fälle? Nicht immer ist es die enge Nähe, die als angenehm empfunden wird...

Kuscheln auf alle Fälle? Nicht immer ist es die enge Nähe, die als angenehm empfunden wird…

Ja, es gibt Situationen, da müssen unsere Pferde gewisse Berührungen akzeptieren. Aber ich finde, im Alltag sollten wir einfach mal ein wenig mehr darauf achten, wie unsere Pferde auf unsere Berührungen reagieren. Genießen sie das Tätscheln und Streicheln wirklich so sehr wie wir denken? Oder hätten wir das nur so gerne, weil wir eben einfach gerne Streicheln und Tätscheln? Muss ich meinem Pferd wirklich den Bauch schrubben, auch wenn ich weiß, dass es dort empfindlich und kitzlig ist?
Meine Pferde akzeptieren all meine Berührungen, denn sie wissen, dass sie mir vertrauen können. Aber sie müssen sie nicht still akzeptieren – sie dürfen dabei zum Ausdruck bringen, wie sie sich fühlen. Wenn ich zu Joschi gehe und ihn umarme und knuddel, pustet er mir freundlich ins Gesicht und schnobert mir duch die Haare. Berühre ich Khayman auf diese Weise, reißt er den Kopf hoch und verspannt sich. Was für das eine Pferd angenehm ist, kann für das andere eine Zumutung sein. Genauso kann es heute sein, dass Jimmy genießerisch die Augen schließt, wenn ich seinen Kopf kraule. Morgen kann er dagegen die Berührung als unangenehm empfinden. Eigentlich logisch, oder? Es gibt Tage, da bin ich unruhig und unzufrieden und jede Berührung löst in mir eine Abwehr-Reaktion aus. Manchmal jedoch ist es genau solch eine Situation, wo mich eine bestimmte Geste oder Berührung aus meiner Situation befreit und für Entspannung sorgt.

Nähe und Zugehörigkeit müssen nicht immer durch Berührungen ausgedrückt werden.

Nähe und Zugehörigkeit müssen nicht immer durch Berührungen ausgedrückt werden.

Ich kann euch also keine Patent-Lösung sagen, was für Berührungen Pferde als angenehm empfinden und welche als unagenehm. Denn unsere Pferde sind genauso komplexe Persönlichkeiten, wie auch wir. Der Einzige, der herausfinden kann, welche Berührungen dein Pferd mag und welche es nicht ausstehen kann bist Du! Der indianische Pferdetrainer GaWaNi Pony Boy schreibt in seinem Buch „Horse Follow Closely“ davon, dass er bei einem Pferd im Training nicht weiterkam. Ein weiser alter Mann stellte ihm auf seinen Hilferuf alle möglichen Fragen – Welche Pflanzen bevorzugt dein Pferd auf der Koppel? Welches Bein entlastet es am liebsten? Was ist sein liebstes Wetter?… Der Sinn hinter diesen Fragen war es, sein Pferd besser kennen zu lernen. Nur so würde ein Erfolg im Training garantiert werden.

Meine Aufgabe für euch ist es heute also, herauszufinden, welche Berührungen eure Pferde lieben und welche sie nicht ausstehen können. Verbringt Zeit mit euren liebsten Vierbeinern und lernt einander kennen. Achtet auf ihre Bedürfnisse und Wünsche und sie werden genauso auf euch achten.
Heute Abend kam ich in den Stall. Khayman kam mir entgegen und blies mir leise seinen Atem ins Gesicht, bevor er meine Hand abschleckte und dicht neben mir stehen blieb. So döste er vor sich hin. Wir berührten einander nicht, aber dennoch war die Nähe und Verbindung förmlich zu Greifen. Denn: Nähe bedrängt oder beschwingt. Welche dieser Optionen wir wählen, liegt im wahrsten Sinne des Wortes in unseren Händen…

Manchmal braucht es keine Worte, um etwas zum Ausdruck zu bringen...

Oft braucht es keine Worte, um etwas zum Ausdruck zu bringen…

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11 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen schönen Text. Genau heute habe ich (lustigerweise bevor ich deinen Text gelesen habe) viel über dieses Thema nachgedacht, weil ich nacheinander drei verschiedene Pferde gearbeitet habe. Die Vollblutstute genießt zum Beispiel sanfte Berührungen am Hals, erträgt es aber nicht, wenn ich sie im Gesicht streicheln möchte. Dafür legt sie aber gerne ihren Kopf auf meine Schulter und lehnt sich an meine Wange. Der kleine Kaltblut-Mann mag es hingegen, feste geknuddelt zu werden und er lehnt sich dann mit all seinem Gewicht entgegen. Das ehemals misshandelte Sportpferd hat dafür so viel an zärtlicher Berührung nachzuholen, dass er wirklich nicht genug bekommen kann. Am liebsten hat er es, wenn ich seine Zunge massiere oder seine Ohren von innen massiere. Und auch das mit dem Halfter überziehen und so hat mich heute zum Nachdenken gebracht. Wir müssen wirklich dankbar sein, wieviel Vertrauen uns diese wunderschönen Tiere entgegenbringen! Mach weiter so, ich lese deinen Blog wirklich gerne 🙂

    • Vielen Dank für deine lieben Worte Katharina – mich freut es immer so sehr, Menschen wie euch zu treffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und meine Gedanken nachvollziehen können. Das ist einfach schön zu wissen! Kraul mir doch deine Fellnasen von mir – genau so, wie sie es gerne haben! 🙂

  2. So unterschiedlich die Pferdetypen, so unterschiedlich können die Berührungen sein (Kratzen, Rubbeln, Streicheln, das Tempo, der Druck usw). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Schlüssel in der Energie liegt, mit der wir streicheln und wir das fürs Pferd passende Energieniveau finden müssen. Bin völlig deiner Meinung, dass es kein Patentstreicheln gibt (und das die Menschen endlich mal aufhören sollten, ihre Pferde zu versohlen und zu denken, das wäre Lob). VG! Nadja

    • Das Thema mit der richtigen Energie finde ich sehr interessant, da sprichst du sicher etwas Wahres an! Ich hätte das nicht so bewusst sagen können, kann es jetzt aber auf jeden Fall bestätigen, dass das sehr wichtig ist. Danke für deinen Input! 🙂

  3. Sandra Hollenberg

    14. September 2014 um 14:05

    Hey!!! Hab mal eine Off Topic Frage. 😀 Das Halfter mit den Sternen, das derJoschi anhat, wo kriegt man das? So eins such ich schon voll lange. 😉 Aber auch-wie immer ein klasse Bericht! Lg Sandra 🙂

    • Hey liebe Sandra!
      Das Sternchen-Halfter habe ich mal bei Krämer gekauft. Ich bin nicht sicher, ob es genau das Gleiche noch gibt, aber ich habe auf jeden Fall letztens dort ein ganz Ahnliches gesehen! 🙂 Glg! Alessa

  4. Hallo Alessa,

    so ein schöner Bericht!!
    Ich arbeite noch nicht lange „intensiv“ mit Pferden zusammen, weswegen ich noch nicht so viel Erfahrung habe. Aber seit kurzer Zeit arbeite ich etwas mehr mit einem Pferd zusammen. Immer, wenn ich es rund um Nüstern und Mund anfasse, merkt man irgendwie, dass es das nicht so toll findet. Ich war unsicher, wie ich mich verhalten soll, da andere Pferde das normal finden und auch einige Massagetechniken, die ich gelernt habe, in der Gegend angewendet werden. Aber dank dir weiß ich, was mir mein Pferd damit sagen will und dass ich eigentlich so viel Glück habe, dass mir mein Pferd noch so freundlich, aber deutlich zeigt, was es mag und was nicht! Vielen Dank! *_*

    Viele Grüße
    Tine

  5. Ursula Birkle

    18. Oktober 2016 um 8:48

    Hallo Alessa,
    vielen Dank für diese wertvollen Gedanken. Das Buch von GaWaNi Pony Boy habe ich mir eben bestellt und freu mich schon drauf. Als Du diesen Artikel geschrieben hast war an ein Pferd in meinem Leben (ich bin bereits 50 Jahre alt) gar nicht zu denken. Als Teenager ritt ich zwar eine Weile aber irgendwann fehlte die Zeit. Nachdem meine kleine Tochter vor 2,5 Jahren mit dem Reiten anfing ergriff mich der „Pferdevirus“ wieder mit einer Intensität die nun unsere ganze Familie beherrscht ;-). Ich fing wieder an zu reiten und dann stieß das Leben im letzten Jahr eine Tür auf, die mich in die wunderbare Lage brachte daß ich nun seit einem halben Jahr überglückliche Besitzerin eines 4-jährigen Freiberger Wallachs bin. Im Stall werde ich gerne mal belächet wenn ich mir ganz viel Zeit nehme für das Putzen und Schmusen das in meinen Augen wichtige Beziehungspflege ist. Aber ich genieße es eben sehr, Zeit mit ihm zur verbingen und ihn zu beobachten und ihn so immer besser kennenzulernen. Ich kann auch stundenlang auf der Koppel stehen und ihm dabei zusehen wie er sich in unserer Herde verhält. Aufgrund meines Alters, gehe ich davon aus daß er mein erstes und einziges Pferd bleiben wird (ich bin ein positiver Mensch und rechne mal mit guten 20 Jahren + die wir haben dürfen ;-)! ) und deswegen genieße ich jeden Augenblick mit ihm. Artikel wie der Deine sprechen meine Gedanken aus und helfen mir aufmerksamer zu sein – vielen Dank!!

    • Alessa

      18. Oktober 2016 um 13:38

      Liebe Ursula,
      ich freue mich so sehr über deine schöne Geschichte! Meine Mutter begann auch erst vor ein paar Jahren gemeinsam mit mir zu Reiten, obwohl sie es sich schon ihr Leben lang wünschte. Heute kann sie sich ein Leben ohne die Pferde gar nicht mehr vorstellen. Es ist so schön, wenn die ganze Familie die Leidenschaft teilt! 🙂
      Dein Pferd hat einen wunderbaren Lebensplatz bekommen, da bin ich sicher. Höre unbedingt auf ihn und nicht darauf, was andere sagen. So intensiv wie du euer Zusammenleben gestaltest, bin ich mir sicher, dass ihr mit einer harmonischen Beziehung bald beweisen könnt, auf dem richtigen Weg zu sein… Ich wünsche euch alles Liebe und noch ganz viele wunderbare, gemeinsame Jahre!

  6. Simone Hammer

    26. Oktober 2016 um 0:36

    Hallo Alessa.

    Toller Bericht!
    Ich habe vor 1,5 Jahren ein Rettungspferd aus Portugal bekommen. Schon in den ersten Tagen ist mir aufgefallen wie hoch Sensibel er auf Berührung und Gestik reagiert. Für mich eine Riesen Umstellung denn das kannte ich so gar nicht! Desto mehr mir das bewusst wurde ist mir aufgefallen wie abgestumpft viele Pferde doch eigentlich sind!
    Wildes Klopfen oder zu viel Druck beim Bürsten mag mein Pilli gar nicht… er weicht dann gleich aus. Einfach hingehen und knuddeln, Fehlanzeige… nur wenn er das möchte! So schwer mir das auch am Anfang gefallen ist (auch heute noch manchmal) so bin ich ihm mittlerweile dankbar das er mich da desensibilisiert hat! Denn im Grunde hat er völlig recht… warum müssen wir Menschen uns das Recht heraus nehmen jedes Tier einfach zu streicheln oder sogar zu knuddeln! Ich achte heute egal bei welchem Tier darauf ob es diese Berührung gerade möchte oder eben nicht. Unabdingbare Situationen natürlich ausgenommen 😉
    Erst heute Abend hatte ich dafür ein für mich besonderes Erlebnis mit ihm… das erste mal seid 1,5 Jahren stand er völlig frei bei mir… auf Ruhe Stellung und schmatzend und hat sich von mir bürsten lassen! Wenn er angebunden ist tut er das sehr oft. Aber, auch sehr oft bin ich schon mit meiner Bürste auf die Koppel und der Herr hat es vorgezogen mich zwar zu begrüßen und sich kurz eine streicheleinheit abzuholen um sich dann aber doch lieber wieder seinen Dingen zu widmen statt freiwillig bei mir und der Bürste zu bleiben.
    Für mich heute Abend also ein ganz besonderes Erlebnis! ❤

  7. Jajajaaaa. Genau das hatte ich gestern wieder im Stall. Meine Lady und ich, wir achten und hören sehr auf uns und unsere Gefühle. Dosieren das je nach Stimmung. Wie unter Menschen doch auch. Und dann steht da jemand putzend neben uns, redet sehr genau über die Empfindsamkeit seines Pferdes und meint, naja aber daran muss er sich halt gewöhnen. Grrr. Dein Text reflektiert das so verständlich. Danke!

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